Bericht 28: Der Bayrische Kapitalknopfer

Freitag, 30.04.2010 - Eigentlich wollte ich gleich zu Mittag ganz gemütlich loszuckeln.

Rock ist auch schon ungeduldig, er spürt wohl die Unruhe die mich inzwischen befallen hat.

Das Büro lässt mich nicht aus.  Der Computer spielt verrückt! Verantwortlich hierfür muss ich wohl oder übel dem anwesenden Techniker Gesellschaft leisten. Alle andern sind bereits im wohlverdienten Wochenende.

Dann, endlich, nach 2 Stunden Verspätung kann ich losfahren. Es geht gut voran. Einmal stehe ich ca. ½ Stunde im Stau. Ich versuche meinen Freund F. zu erreichen – er hat keinen Empfang – er wollte doch einen Anruf von mir um den bayrischen Leberkäs so frisch wie möglich zu bereiten. Ich freu mich schon drauf!

Irgendwann dann erreiche ich ihn. Eine Stunde noch dann können wir uns die Hand reichen. Wir kennen uns nicht.

Ich lerne die Familie von F. kennen, dann geht’s ins Quartier und dann sofort ins Revier. Wir kirren ein wenig und ich lerne das Revier kennen.

Klein aber fein – so sagt F. und er hat Recht. Es wird dunkel und wir machen es uns im Bauwagen bequem. Am Fenster sitzend beobachten wir ein paar Rehe die bis an den Bauwagen kommen, während wir genüsslich ein paar Bierflaschen den Inhalt entlocken. Wir lernen uns kennen und wie es unter Jägern so ist, wird eben die eine oder andere Jagdgeschichte erzählt. Dann irgendwann meint F.: So Jetzt ist Zeit auf die Kanzel zu gehen. Könnt schon sein, dass ein passendes Schweinderl kommt.

Morgen früh sollte ich, wenn mir ein Bock gefällt, diesen erlegen. Es sollte halt verfegt haben.

Die Einladung lautete: Wir jagen ein bissl auf Schmalreh und Knopfböcke.

Naja ich wird mir die Rehe mal anschauen.

Ein wenig kann ich in der Kanzel die Augen pflegen, aber immer wieder kontrolliere ich die Wiesen und Äcker vor mir, sofern ich Licht dazu habe, denn es regnet eigentlich die ganze Nacht.

Dann pünktlich im Morgengrauen, hört es auf zu regnen.

Langsam kommen überall Rehe zum Vorschein. Mit dem Spektiv spreche ich sie der Reihe nach an. Nur bei mir am Hochsitz bleibt die Bühne vorerst leer.

Dann auf einmal stehen 2 Vorjahreskitze mit ihrer Mutter da. Eigentlich wäre die eine Schmalgeis zu erlegen so schwach ist sie. Irgendwie will ich nicht.

Die bleibt mir immer noch, denke ich – und schon sind alle drei weg.

Später kommt noch ein junger Gabler – dieser wird uns später noch zur Genüge beschäftigen.

Es wird Zeit zu frühstücken. – Ich packe mein Krimskram zusammen und kehre zu F. zurück.

Ein Schluck Kaffee und die Geister erwachen wieder . Bald sind wir wieder zu neuen Schandtaten bereit. Wir wollen am Vormittag noch eine Weile im Wald ansitzen. Auch dort steht wieder eine geschlossene Kanzel.

Diesmal sitzen wir gemeinsam und F. lässt mich eine Hörprobe seiner Schlafgeräusche genießen.

Die Kanzel ist geschlossen und es stört wohl nicht im geringsten, stehen doch bald ein Jahrlingsgabler im Bast und dessen Mutter auf 50 Meter im Wald.

Zeit zum Mittagessen, denn wir wollen es uns ja gut gehen lassen. Eine Portion Grillteller für jeweils drei Personen bekommt jeder von uns auf den Tisch. Auch für mich ist das zu viel – wer mich kennt der weiß, dass es also unmöglich ist den Teller zu leeren!

Mit vollem Bauch fahren wir wieder ins Revier. Dabei fängt es an zu regnen.

F. meint, jetzt gehen wir schnell auf eine Kanzel mitten in den Wiesen: „ Ich kenn meine Rehe - wenn’s wieder aufhört sind, sie da“ Ich verlasse mich gern auf ihn und wir laufen im Regen in die trockene Kanzel.  Vor uns ein Getreideacker mit schienbar knöchelhohen Halmen.

Ich denk mir noch . „Wo bitte sollen da die Rehe herkommen? – Naja warten wir mal auf das Kommende“.

„Do steht a Goas!“ F. zeigt auf eine Stelle im Getreide – wo ich nix sehe - oder doch da streckt doch ein Geißlein Ihren Kopf aus meterhohen Grün!

Da hab ich mich aber ganz schön getäuscht. Vor uns ist ein hohes Getreide das für die Rehe schützend uns gegenüber ist!

Bald zeigt sich auch ein Bock! F: „Des ischer!!!“

Die Fenster sind geschlossen und die trüben Gläser lassen kein Ansprechen zu. Mit drehen an dem Verstellungsrad meines Fernglases versuche ich mehr herauszubekommen, denn, dass der Bock da KEIN Knopfbock  ist, soviel ist mir klar.

Aber F. hat kein Einsehen mit mir. Das Fenster bleibt zu – gut – er ist hier der Chef, doch irgendwann wird auch ihm mein nervöses Drehen am Fernglas zu bunt und er lässt sich erweichen und öffnet das Fenster – ich kann einen kurzen Blick auf den Gehörnten werfen – ich sehe heute noch diesen Anblick: Der Rehbock von der Seite - linke Seite starker Sechser und dahinter eine Gabel  - irgendwie verschoben und das Ganze schwarz, geperlt einfach ein Mordsbock! Das bIld bleibt so in meiner Erinnerung.

Jetzt werde ich doch nervös. Sollte ich wirklich so einen guten Bock strecken dürfen? F. meint dass die Rehe, sobald es aufhört zu regnen, aus dem Getreide kommen und dann ins Gehölz linker Hand ziehen werden.

Bald taucht eine Rehgais von rechts auf und flüchtet vor uns vorbei, direkt auf den Bock zu, den wir nur alles 15 Minuten einmal kurz entdecken können, da er wohl im Getreide nieder getan hat.

Spannung pur – wird sie den Bock mitnehmen? Sie verschwindet schon im Unterholz links.

Ist der Bock überhaupt noch da?

Die Zeit verrinnt – ja da ist er!  - Er macht eine kurze Bewegung mit dem Kopf und F. meint: „Iatz geht’s los „ Er öffnet die Luke und ich schiebe meine Rosi (so nenne ich meine Waffe liebevoll) auf die Brüstung. Schon steht er an der Waldkante links – Meine Frage: „Ischer des?“ wird mit einem kurzen „Ja, passt scho!“ beantwortet.

Der Bock steht schon recht nahe am Dickicht und will grad abspringen, als ihn meine Kugel, die ich noch schnell auf die Reise geschickt habe, ins Gras wirft. Ich sehe ihn im Zielfernrohr fallen. Er rutscht in eine Vertiefung und man kann noch ein paar Sekunden die Läufe sehen, bis diese dann langsam ins Gras sinken.

Jetzt erst spüre ich die Spannung, die sich in der langen Zeit angebahnt hat und die sich in Jagdfieber verwandelt. Ich verspüre ein kurzes Zittern. Aber der  Bock liegt.

Eine Weile sitzen wir in der Kanzel und besprechen das Geschehene. Aber lange hält es uns nicht auf dem Hochsitz: Wir wollen dem Gestreckten die letzte Ehre erweisen und vor allem sehen, was wir das erlegt haben!

Als wir am Bock sind, die 80-90 Meter sind bald abgeschritten, bleibt F. etwas zurück, und lässt mich zu „meinem“ Bock treten. Langsam greife ich ihm in die Rehkrone und ziehe sie zu mir. Der Schuss ist etwas hoch, was mich doch ein wenig wundert, aber in der Eile….

Jetzt, beim Schreiben läuft es mir kalt über den Rücken, so frisch ist das Erlebte. Der Bock ist wirklich kapital! Vor allem unerwartet! Habe ich mir doch eher eine Knopfbock oder eben einen sonstigen „Abschussbock“ erwartet.  Von F. kommt eine richtige Herzlichkeit, wie selbstverständlich lässt überlässt er mir einen seiner besten Böcke im Revier!  Zu diesem Zeitpunkt kennen wir uns noch nicht einmal 24 Stunden.!

Bald sind wir mit dem Gestreckten beim Bauwagen wo ich ihm dann die letze Ehre erweise, während F. den Wagen holt. Ein (oder zwei?) Bierchen werden geöffnet, ein Feuer wird entfacht , ich verblase den Bock und schließlich brechen wir ihn gemeinsam auf.

Später kocht uns F.  die Leber vom „Nachmittagsbock“ – was ihm wirklich super gelingt. Wir trinken dann noch ein paar Bierchen und lassen es uns gut gehen. Beide sitzen wir neben einem Fenster und können die Stelle einsehen, wo wir ein paar Stunden zuvor ein schönes gemeinsames Erlebnis hatten. Immer wieder macht einer von uns eine Bemerkung über das Erlebte, das dadurch immer wieder neu entfacht  wird, wie ein Feuer dem man immer wieder ein Stück Holz zuführt.

Jagdfreundschaft sich schon etwas Besonderes!

Jagen bei Freunden so mag ich das. Ich hoffe, dass ich bei noch vielen solchen ähnlichen Erlebnissen dabei sein kann.

 

Lieber F.  ein herzliches Weidmannsdank!

-   Nachtrag:  Die Bayern haben kapitale Knopfböcke, das muss man ihnen lassen  -


                                                                                                                Bericht und Fotos:  Diether Platzgummer 

 

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