BERICHT 06 : Rotwildabschuss nach 5 Jahren Zwangspause

Es war ein Tag in der Hochbrunft der Rothirsche, vor wenigen Tagen hat es noch geschneit  im Bergrevier auf 1.800 Metern. Die Gedanken an die Pirsch vor zwei Tagen mit Ulli, der Jagdkamerad, der dieses Jahr bereits Weidmannsheil auf einen starken Zehnender hatte, lagen wir  im Sinn, als ich noch bei Nacht den zuverlässigen Toyota in Richtung Alm steuerte. Gerade diese Pirsch im unwegsamen Gelände, hoch oben, wo die Lärchen nur mehr verkrüppelt und neben den Zirben und Latschen wachsen, auf einem Stand, der das Revier  unter uns wie eine Arena für brunftige Rothirsche präsentierte, ließ meine Jagdleidenschaft nach 5 Jahren Zwangspause, wieder richtig aufflammen.

Ein gutes Stück unterhalb der Alm, schon einige Schritte  vom Fahrzeug  entfernt, vernahm ich vom Berg auf der gegenüberliegenden Seite des Tales, die Brunftschreie des stolzen Hochwildes. In Gedanken an die Geschehnisse der vergangenen Tage, stieg ich der Lanzwiesenalm zu. Es schien alles ruhig zu sein auf dieser Seite des Tales, wobei ich doch reges Treiben erhofft hatte. Doch plötzlich vernahm ich sie,  ein Röhren folgte  dem anderen, sie waren also da, die heimlichen und doch überaus lauten Gestalten des Hochwaldes. Es war  nur die Geländekuppe die den Schall nicht zu mir dringen  ließ. Am Waldrand der Almwiese hielt ich inne und genoss das Openair der Lust und der Eifersucht. Das  mehrstimmige Konzert, das an Urgewalt und Intensität nicht zu übertreffen war, wurde durch den Wiederhall  der nahen Felswände noch verstärkt.   Ich pirschte zur nahen Almhütte und legte mich neben einer Bank und hinter den Holzstangenzaun ins nasse,  teils mit Raureif bedeckte Gras. Bei jedem Schrei reckte ich den Kopf und suchte mit dem Fernglas am Almboden nach den dunklen Schatten. Vage konnte ich an die 20 Stück erkennen, aber nur durch die Lautäusserungen war es möglich die Hirsche von den Tieren zu unterscheiden, so dunkel war es noch. Ich zählte sechs verschiedene Stimmen , die sich von verschiedenen Orten  meldeten und um die Gunst der Tiere buhlten.  Einer war mir ins Auge bzw. ins Ohr gestochen,  er verfolgte die anderen und kehrte zum Kahlwild zurück, manchmal durchbrach auch das Krachen von aneinanderschlagenden  Stangen  das jetzt bereits vertraute Brunfttreiben.  Dieser musste es sein, der Herr im Haus, ich konnte aber das Geweih, soviel und sooft ich mir auch die Augen rieb, nicht erkennen, die Phantasie spielt in solchen Momenten eigenartige Streiche. Mal glaubt man einen starken, endenfreudigen Hirsch mit langen Stangen zu erkennen und im nächsten Moment zweifelt man wieder daran. Jedenfalls wurde es mir nicht langweilig während ich auf Büchsenlicht  wartete. Das Warten war unerträglich, da es zugleich ein Bangen war, dass sich das Rudel  dem schützenden Wald nähern,   und sich dann  ein leerer Almboden   vor mir  ausbreiten könnte.  Am Horizont  im Osten wurde es langsam heller, dies  hatte aber keinen Einfluss auf die Lichtverhältnisse vor mir. Zugleich war auch meine Armbanduhr ein ständiger Begleiter in diesen paar so unendlich  lang scheinenden Minuten.  Wann war nochmals Sonnenaufgang, Zweifel erfassten mich und ich beschloss so lange zuzuwarten bis ich einen waidgerechten und sicheren Schuss abgeben konnte. Abwechselnd beobachtete ich das Rotweildrudel und meine Armbaduhr bis diese 6.15 Uhr anzeigte und ich mir des richtigen Zeitpunktes sicher war. Der Platzhirsch wechselte nach links über die Wiese, äugte einem Stück Kahlwild nach und verhoffte, mein Auge verfolgte ihn bereits durch das Zielfernrohr und das Fadenkreuz stand gut hinter dem Blatt, noch ein Urschrei aus vollen Lungen und er Schuss brach. Durch das Mündungsfeuer war kein Schusszeichen erkennbar, ich sah ihn nach links flüchten und hörte Äste brechen, dann nur noch Stille. Meines Schusses sicher schulterte ich Büchse und Rucksack und begab mich  zum Anschuss. Mit meiner starken  LED Stirnlampe  suchte ich nach Pirschzeichen, trotz der starken Lampe  fand ich nichts, rein gar nichts, kein Tropfen Schweiss, kein Schnitthaar, nur  Eingriffe waren  vorhanden, aber diese  waren so zahlreich, dass ich keinen dem Beschossenen zuordnen konnte.   Mich befielen  Zweifel, hatte ich doch vor zwei Tagen bereits zwei Fehlschüsse angebracht.  Ich war auch nicht im Stande die Fluchtfährte eindeutig zu lokalisieren, so folgte ich der vermeintlichen Richtung und suchte den Waldrand, wo Unmengen von Ästen lagen ab, ohne Erfolg.  Was blieb mir übrig als wieder den Hundeführer zu kontaktieren und mit Ihm die Nachsuche zu organisieren.  Als Hans, sein Schweisshund  und ich  nach eineinhalb Stunden  auf die Alm fuhren  hatte ich ein  ganz schlechtes Gefühl, einerseits die Gewissheit gut abgekommen zu sein und trotzdem kein Pirschzeichen zu finden, wühlten die Emotionen ordentlich auf. Wir überquerten mit dem Fahrzeug  die vermeintliche Fluchtfährte und dabei suchte ich die Wegböschung ab. Ja was liegt denn da?  Mitten im Freien,  von der Sonne beschienen, keine 20 mt. Vom Weg entfernt, mitten im Reisig und 50 mt. näher als ich angenommen hatte, lag ein guter mittelalter Vierzehnender mit einem waidgerechten Schuss hinters Blatt. Selten war ich so entspannt und ruhig  wie nach diesem Anblick.

 

Waidmannsheil


                                                                                                Bericht und Fotos: Steurer Georg – Revier Olang

 

 

 

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